Tobias Gruben Leben

Tobias Gruben wurde am 28. Juli 1963 als viertes Kind eines Archäologen und einer Dolmetscherin in Athen geboren. Die Familie zog 1968 nach Bayern, wo der Vater eine Professur in München angenommen hatte. Tobias wuchs in Starnberg auf und besuchte in München die Fachoberschule für Gestaltung.

Seine erste Band gründete er mit Christoph Schlingensief und anderen: „Vier kleine Kaiserlein“. Um Musik zu machen zog er in die Musikstadt Hamburg.

Als die Bassistin Heidrun Tuchenhagen ihn der Band “Cyan Revue“ als Sänger vorstellte, funkte es bei allen Beteiligten und die Band war komplett. Das waren außerdem: Florian Langmaak, Michael Behrendt und Farschid Niknam. Das Lebensgefühl der 80er prägte ihren Stil. “Wir fühlten uns, als könnten wir nichts anderes machen.” Zwei Platten (The Gift und Four Wounds) wurden in kompletter Eigenproduktion herausgebracht. Das äußere Bild der Band war: Feuer, Düsternis, wilde Energie. Es folgte eine Tour mit Alien Sexfiend durch Deutschland, ein Riesenerfolg. Danach die dritte Platte (ARM ) und eine eigene Tour – von der Schweiz bis Kopenhagen ausverkaufte Konzerte. Ende 87 löste sich die Band auf – die Musiker wollten unterschiedliche musikalische Wege gehen.

Tobias lernte Gitarre, schrieb deutschsprachige Texte und gründete mit Horst Petersen, Tobias Levin und Johann Popp “Die Erde”. “Wir wollten Teil einer das Bewusstsein der Menschheit in positiver Weise beeinflussenden Bewegung sein, und das auf künstlerisch anspruchsvolle Weise.” Sie gingen mit den “Einstürzenden Neubauten” auf Tour und verkauften von ihrer ersten Platte “Kch Kch Kch” 10.000 Stück. Nach der zweiten Platte, “Leben den Lebenden” trennte sich, im Oktober ‘90, auch diese Band. Das Abschiedskonzert, das sie in Berlin gaben, kam als CD auf den Markt: “Die Erde Live. Berlin/Loft”.

Tobias wollte experimentieren; lieber verwarf er einen guten Song um das nächste Spiel auszuprobieren, als es sich im Gelungenen bequem zu machen – eine Eigenschaft die seine Musikerkollegen manchmal an die Schmerz- und Geduldsgrenze trieb. Er schrieb später: “Der musikalische Ansatz, alles was irgendwie auf traditionelle Weise schön zu klingen verspricht, zu zerstückeln und mit Getöse zu überhäufen, ist mir entgegengesetzt. Ich glaube, dass ich keinen Presslufthammer brauche, um zu zeigen, wie zerrissen und zerstört unsere Welt und unsere Seelen sind, sondern dass mir eine einfache Akustikgitarre dazu reicht.”

Tobias zog sich jetzt mit einem Musikcomputer, einem Vierspur-Recorder und seiner Akustikgitarre aus dem öffentlichen Leben zurück. In dieser Stille schöpfte er viele seiner besten Lieder. Er lernte Songs zu instrumentieren und zu arrangieren und entwickelte dabei einen sehr differenzierten, ganz eigenen Stil. „Gute Musik wirkt anregend, es bleibt ein Loch zum durchgucken, nie wird tonal alles gesagt, sondern angedeutet. Der Hörer kann sich sein eigenes Bild machen. Er kann WEITERDENKEN.”

Er machte bei verschiedenen Projekten mit – das bekannteste davon “Heroina”, eine Anti-Drogen-CD mit Coverversionen.

Schließlich fand er in Felix Huber einen Partner, der nicht nur sein Fach als Musiker und Klangtüftler beherrscht, sondern auch Tobias Ideen genau verstand und seinen schrägen Humor und seine poetische Abgründigkeit schätzte. Die Zusammenarbeit machte ihnen großen Spaß und sie hatten innerhalb kurzer Zeit ungefähr 20 Titel arrangiert, von denen der größte Teil für eine CD bei dem Label Buback auch im Studio produziert wurde. Erst einmal veröffentlichten sie die Single SOL. Um live auftreten zu können formierten sie eine Band. Zu Felix Huber und Tobias fanden Nico Schweder-Schreiner, Enno Friesland und Kai Poggensee. Sie gaben im Sommer 96 – jetzt wieder als “Die Erde II”– ihr erstes und letztes Konzert im Heise-Kino. Im Herbst kam ein Angebot vom Label “Mercury”, das eine CD herausbringen wollte. Endlich “Erntezeit” !

Tobias hatte während all der Jahre immer wieder mit Heroin zu tun, nahm die Droge aber nur sporadisch und glaubte sie unter Kontrolle zu haben. In seinem letzten Lebensjahr ließ Tobias ganz vom Heroin, begann eine Therapie und schaffte sich eine Brille an. Er war jetzt bereit sich den Realitäten zu stellen: Das kann man auf den letzten Fotos sehen. Um den Vertrag mit Mercury, Frucht seiner siebenjährigen Arbeit, zu feiern, lud er zu einem kleinen Festessen. An diesem Abend hatte er einen Rückfall. Das hochgradig reine Heroin, an dem im November 1996 in Hamburg mehrere Menschen starben, hat sein dem Gift entwöhntes, schon immer anfälliges Herz nicht überlebt. Das hätte nicht sein müssen, denn es ging ihm gut und er hatte sich dem Heroin schon längere Zeit entzogen. Niemand hatte das erwartet, man mochte es einfach nicht glauben, als man ihn tot in seinem Zimmer fand. Er lag über all den Plakaten, die er selbst bemalt, beklebt, bestempelt und beschriftet hatte: Die Erde II, Live-Tournee. Der Einstieg in den ihm sicheren Erfolg wurde der Ausstieg aus dem Leben.

Tobias Grubens Wesen war viel sonniger als seine geistige Grundhaltung. Voller Phantasie und Leichtigkeit lebte er mit seinen Katzen in den Tag hinein. Sie begleiteten ihn durch viele kleine Zimmer in Hamburg. Er schmuste und sprach mit ihnen, war ja selber ein Löwe: Verspielt, hellwach und königlich. Er konnte stundenlang Ameisen beobachten oder ins Feuer schauen. Er kochte köstlich, feierte und scherzte, liebte die Natur, sauste freihändig und singend auf seinem Fahrrad durch Hamburg. Besinnlich und sinnlich, mager und anmutig, bewegte er sich durch die Stadt. Sein Geld verdiente er als Radlkurier und Altenpfleger. Auch diese Aufgaben betrieb er mit Hingabe: Die alten Leute, die er betreute, beschrieb er liebevoll in seinen Briefen und schloss Freundschaft mit ihnen. Er lebte in elitärer Armut, und wenn er Geld hatte, wurde es auf den Kopf gehauen: “Verschwenderisch biete ich an / von meinem Tisch / soviel ich kann.” Kurz: Er genoss das Leben. Kunst war sein Nahrung und sein Zuhause; und was er liebte, war so vielfältig wie seine eigenen Lieder. Bob Dylan fühlte er sich zeitlebens geistesverwandt; John Lennon, Frank Zappa, Jony Mitchell, und Metallica sind weiter Beispiele. Er las alle möglichen Klassiker: Poe, die Russen, Kafka, Arno Schmidt, Marguerite Duras… Als Vollblutkünstler, der sich seines Ranges bewusst war, war es bitter für ihn, nicht von seiner Kunst leben zu können, aber er war entschlossen, keinen Millimeter von seinem eigenen künstlerischen Weg abzuweichen.

Tobias war ein Grenzgänger. Am Rande der Welt und des Lebens, da wo die Pole sich berühren, war er zuhause.

Er nannte es “eine morbide Unterhaltung” wenn er mit seinem Leben spielte und nahm das Überleben weniger ernst als die meisten Menschen – das Leben aber nahm er so ernst, dass es ihm manchmal fast zu schwer wurde. Sein Anspruch war nichts Geringeres, als ein idealer Mensch zu sein, alleine, frei und vornehm – und dennoch geliebt. Er hat sich und andere herausgefordert: „Notwendigkeit der Kunst: Demut, und zwar anmaßende”. “Leute, lest Tolstoj und Dostojewsky, ihr werden bessere Menschen sein.” Sein inneres Ziel, von dem er nicht abwich: Ein reifer und liebevoller Mensch zu werden. Er stellte Rätsel und löste sie…. mit rätselhafter Losung. „In Welten, wo Gesetze nicht gelten.“ Tobias´ Wahrheit kannte kein System: Das sind Gefühle, Gedanken, Einfälle, Reime, (er liebte Dada), die er zwar mit Autorität formulierte, aber teilweise auch ironisierte. Der Themen und Ebenen sind viele. Gerne spielt er damit, mischt sie - manchmal widersprüchlich, schräg, unlogisch. Souverän öffnet er uns seine Welt und spricht zu uns mit den Stimmen der großen Spieler: Tod, Angst, Schuld, Verlorenheit – Leben, Liebe, Natur, Gesellschaft. Er reisst Abgründe auf. Er stürzt sich auf die großen Tabus. Tod, Schuld, Gewissensangst. Sich auf sein Universum einzulassen, ist eine tiefe Erfahrung. Wie alle große Kunst.

ZITATE: “Ich bin Künstler. Ich mache alles mögliche mit, aber es muß Stil haben. Außerdem glaube ich an Gott und er an mich. (Was immer der Bursche geplant hat.)

“Es gibt keine Peinlichkeit! Wenn du einfach genau das machst, was du willst, dann ist das gut.”

Die TAZ über Tobias Gruben: „Holla Juchheissassa’ singt er, und es klingt, als hätte der den Kopf schon im Ofen.“

M.Reinboth in MF/Sounds: „Wenn Iggy Pop Deutscher wäre, hieße er Tobias Gruben…”

Tobias Gruben in einem Fanzine-Interview: „Vor kurzem hatte ich mit meiner Mutter ein ausführliches Gespräch… Sie fragte mich auch, ob ich nicht mal was Fröhliches singen könnte, anstatt immer so etwas Düsteres, Pessimistisches, Verzweifeltes, Zorniges. Aber wenn ich so singe, heißt es ja noch lange nicht, daß ich es auch bin. Bert Brecht hat mal gesagt, auch er sähe die blühenden Apfelbäume, aber sie zögen ihn nicht zum Schreiben. Was ihn drängte, war das Verbrechen und das Elend der Menschen.“

Karin Aderhold in TIP: „Gruben singt über alles, was ihn aufrüttelt, und seine eigene Unrast,. seine Enttäuschungen, seien sie persönlicher oder globaler Art, übertragen sich auf den (Zu)Hörer, spüren dessen Unzufriedenheit auf und machen ihn wacher. (…) betreibt Gruben keine narzisstische Nabelschau, stellt sich nicht in den Mittelpunkt seiner Kreise, degradiert das Publikum nicht zu passiven Konsumenten. Vor allem ist er ein Sänger mit einer Stimme, die markerschütternden Urschrei genauso beherrscht wie feine Nuancen.”